Gisela Maria Schmidt

 

Der Zauber über den Bildern

Annäherungen, Mutmaßungen und Anmaßungen
beim Betrachten der Bilder von Gisela Maria Schmidt
 

In den typischen Biografien männlicher Künstler kommen Kinder nicht vor. Auch von ihren anderen Lebensumständen ist selten die Rede. Ihr Leben vollzieht sich in gehabten, mehr oder weniger spektakulären Ausstellungen und Auszeichnungen, deren mehr oder weniger euphorische Besprechungen man dann - heutzutage auch im Internet - nachlesen kann. Von den Leuten, die ihnen auf ihrem Weg zu den Gipfeln des Ruhms und der Kunst nicht nur beiseite standen, sondern auch konkret geholfen haben, spricht keiner. Dass es meistens Frauen sind, ist ja ohnehin klar. Und die dürfen sich dann allenfalls  im vom Künstler auf sie abfallenden Glanz ein bisschen sonnen.

Zugegeben: dies ist ein Klischee, zumal eines, das vermutlich vor allem auf jene Künstler zutrifft, die sich – wie auch immer – aus der Masse jener, von denen man nie etwas hört und sieht, gelöst haben, und deren Bilder, Installationen oder Plastiken auf dem Kunstmarkt zu exorbitanten Preisen verkauft werden. An Klischees aber klebt stets viel Realität: ebenso im umgekehrten Fall.

Das heißt: Auch die Biografien von Künstlerinnen verlaufen nach gewissen typischen Gesetzen, deren Ränder sich zwar am Ende des 20. und zu Anfang des 21. Jahrhunderts hoffnungsvoll aufgeweicht haben, im Kern sich jedoch noch immer gewaltig von denen männlicher Viten unterscheiden. Sprich: Wollte man die Lebensdaten von Künstlern und Künstlerinnen ernsthaft vergleichen, so müssten einem schon die zeitlichen Verschiebungen, beziehungsweise die Stillstände und Verzögerungen auffallen, welche die schöpferische Kontinuität von Frauen verhindern.

Was nicht viel mehr heißen soll als: Künstlerinnen sind immer auch Ehefrauen, sind immer auch Mütter, deren Kunstbemühungen im Zweifelsfall  an zweiter oder gar dritter Stelle auf der Agenda rangieren. Eine echte Prioritätensetzung – zugunsten der Kunst – kann und darf nicht stattfinden, da sprechen noch immer die Konventionen, die eigene Erziehung, das oftmals von Mütter und Vätern einträchtig gezüchtete, weiblich-dienende Über-Ich dagegen. Wer immer von den uns bekannten Künstlerinnen der eigenen Kunst den Vorrang gab, musste dafür bitter und mit großen existenziellen Verletzungen büßen. Paula Modersohn-Becker, Camille Claudel oder Suzanne Valadon, um nur die tragischsten unter ihnen zu nennen, gelang es jedenfalls nie, Liebe und Familie, Kinderwünsche und die eigene Selbstverwirklichung - sprich: die Kunst -  unter einen Hut zu bringen. Und auch Angelika Kauffmann, die ja sehr erfolgreich war, zu ihrer Zeit halb Europa porträtierte und selbst von Goethe und anderen Künstlerkollegen bewundert wurde, hatte privat sehr viel weniger Glück.

Auch Gisela Maria Schmidt hat insofern eine typische Künstlerinnen-Biografie. Und da ich dagegen bin, heuchlerisch so zu tun, als ob dies nicht so wäre, zugleich aber davon absehen will, allzu privatim darauf einzugehen, schon weil die Künstlerin selbst etwas dagegen hätte, so will und kann ich dies doch bei der Betrachtung ihrer Arbeiten nicht vergessen. Denn auch bei ihr griffen die gleichen Mechanismen, konnte sie, die schon als Kind zu zeichnen begonnen hatte, nicht auf die elterliche Unterstützung zählen, kam niemand auf die Idee, das sichtbar große Talent ausbilden zu lassen; und später  besaßen Mann, Familienleben, Kinder den Vorrang.  

Die Kunst hatte zu warten, basta. Wobei, wenn man ehrlich ist, dies ja niemals bedeutet, dass die Kunst warten muss: die Kunst besitzt schließlich kein empfindsames Gemüt, im Grunde ist sie ein Neutrum, wenngleich sie im  Deutschen und Portugiesischen weiblichen Geschlechts ist. Zu warten hat vielmehr immer die Künstlerin, die ihrer Sehnsucht, sich auszudrücken, nicht nachgeben darf, sondern sich über Jahre hin dem Alltag und dessen Forderungen stellen muss. Mithin, so könnte man folgern, haben Frauen, die sich jahrzehntelang gedulden mussten, bevor sie so richtig loslegen „durften“, im Vergleich zu all den Künstler-Männern, denen ihr Leben lang die Hindernisse aus dem Weg geräumt wurden, eindeutig die größere Geduld, die größere Beharrlichkeit, vielleicht auch die größere Kraft. Immer fein im Klischee gesprochen.

Gisela Schmidt jedenfalls hat im Gespräch geäußert, dass ihr irgendwann klar wurde, dass sie erst als Großmutter sich gänzlich ihrer Kunst widmen könnte. Was nicht heißt, dass sie sich die Jahre davor nicht gleichfalls malerisch, zeichnerisch und plastisch geäußert hätte. Längerfristige Projekte aber verboten sich während der Kindheit ihrer Kinder dann doch von selbst. Ganz abgesehen davon, dass es eines besonderen Heldentums bedarf, sich nach getaner Arbeit in eine andere – eine künstlerische Arbeit nämlich -  zu stürzen, für deren Ausübung man nicht nur über eine besondere Seelenlage, sondern auch über ruhige Finger und Ruhe, im Sinne von Ungestörtheit, verfügen müsste. Beim Malen entspannen und sonst rein gar nichts, so wie es den Vorstellungen der Klatschpresse entspricht, wenn sie über malende Stars und Sternchen berichtet, können wohl eher diejenigen Menschen, die damit kein existenzielles Risiko eingehen.

Dass der Künstlerin niemand verbieten konnte – und niemand dies auch expressis verbis je tat - , aufnahmebereit zu bleiben, Vorlieben zu entwickeln, das permanente Augen-Spiel zu betreiben, sich immer wieder selber auszuprobieren also, ist eine andere Sache. Vielleicht rührt daher der Umstand, dass Schmidt – jenseits ihrer Malerei – vor allem in ihren Zeichnungen so entschlossen den schnellen, zupackenden Strich kultivierte, sich soweit brachte, dass es ihr auf Anhieb gelang und immer wieder aufs Neue gelingt, Situationen und Situationskomik auf den inhaltlich-ironischen Knack-Punkt zu bringen. Noch heute gehen jedenfalls die wunderbarsten und humorvollsten Computer-Zeichnungen von Brasilien nach Deutschland, eine Bemerkungen, eine fernmündliche Umschreibung genügt, um Schmidts bildnerische Fantasie und ihren Witz anzuregen. Und selbst die notwendig kühle, im Grunde doch so unsinnliche elektronische Vermittlung ändert nichts an der sehr unmittelbar wirkenden, Herz erwärmenden Fröhlichkeit dieser Schnell-Skizzen.

Es ist nicht auszuschließen, dass Gisela Maria Schmidts Umzug nach Brasilien im Jahre 1973 sich nachhaltig in die Beschaffenheit ihrer Kunst einmischte. Ihr selbst war als Kommentar dazu zu entlocken, dass sie „Brasilien als Befreiung von der Enge“ empfand, wobei sich diese Einschätzung natürlich auch grundsätzlich verstehen lässt. Wenn man sich Schmidts Bilder freilich in der Chronologie betrachtet, so kann man feststellen, dass ihre in Latein-Amerika entstandene Acryl-Malerei vielleicht nicht gleich, aber dann doch ziemlich bald begann, sonnendurchglühte, gleichsam von innen her leuchtende Szenarien zu präsentieren. Von jemanden, der noch nicht dort war, wo Gisela Maria Schmidt seit nunmehr vierzig Jahren lebt, lässt sich schwer nachvollziehen, wie die brasilianische Pflanzen- und Tierwelt eine am Rand der schwäbischen Alb aufgewachsene Künstlerin beeinflusste, welche Auswirkungen überhaupt dieses von Westeuropa so fundamental verschiedene Leben auf jemanden hatte, der mit den Augen fühlt und diese Gefühle auch noch sichtbar nach außen transportieren kann.
 
Dessen ungeachtet ist es eine Augen-Wonne, wie die Malerin für die Betrachter ihrer Bilder ihre neue Welt zunehmend dichter reflektiert, den Tisch deckt geradezu, auch für die in Deutschland „Zurückgebliebenen“. Ihre Früchte-Stillleben, prall und lebensvoll,  in ganzheitlichen Arrangements, bilden immer einen Kosmos für sich und sind nicht selten auch von Tieren bevölkert. Wobei prall nicht laut oder gar grell bedeutet. Schmidts Farbskala bleibt harmonisch, aber vibrierend lebendig. Und da ihre Stillleben rein optisch nicht in die Tiefe gehen, sondern gleichsam ein Tableau von Möglichkeiten offerieren sowie mit farblichen Strukturen und – falls man so etwas sagen kann – ausgesprochen sanften Kontrasten spielen, hat man als Betrachter auch stets das Gefühl, als würde einem die Malerin die Schöpfung anbieten. Ausschnitte davon wenigstens: Von ihr zusammengestellt, zum ästhetisch nahrhaften Hochgenuss.
 
Die Melonen, die Trauben, die Birnen, die Äpfel, die Orangen, die Papayas. Sie präsentieren sich ebenso selbstverständlich üppig wie die Margariten, die Tulpen, die vielen gemischten Blumensträuße in den unterschiedlichsten Behältnissen, deren Darstellung die liebende Nähe zeigt, in der sich die Malerin generell zur Natur befindet. Früher habe sie ihre Kreativität in „ständigen Wohnungsumwandlungen“ ausgelebt, sagt sie im Gespräch. Man kann sich ihr Geschick und ihren Mut dabei vorstellen. Und ist doch froh, dass die Künstlerin in einem farbenfrohen, farbdifferenzierten, gelinden Realismus einen direkteren Weg gefunden hat, einen, der unmittelbar zu unverwechselbaren Bildern führt, die zudem das Haus verlassen und sich sozusagen in andere Häuser begeben können.

Eine Ausnahme höchstens ist „Weesenstein“, dieses Herbstbild aus Mitteldeutschland, das eher von sanftem impressionistischem Charakter ist, mit Licht und Schatten und Tiefe spielt und vielleicht mit dem Flirren und den Ambivalenzen der eigenen Kindheit und Jugend liebäugelt. Und eben deshalb – nicht nur wegen der gedeckten herbstlichen Farben - , eine Melancholie verströmt, die zwischen der alten und neuen Heimat ein untrennbares Band knüpft.

Brasilien scheint also hinein, in Gisela Maria Schmidts Bilder, gewiss auch in jene, die im weitesten Sinn als „mythologisch“ aufzufassen sind. Da lässt sich scheinbar Vertrautes, letztlich aber noch viel mehr Hermetisches ausmachen, da drängt sich manches zusammen, was man als archetypisch bezeichnen könnte, entsprungen sozusagen dem kollektiven Gedächtnis der Völker, so wie es C.G. Jung einst interpretiert hat. Hier werden Geschichten erzählt in lichten und kräftigen Farben – auf Bildern wie „Traum“, „Mutter Erde“ oder „Verwandlung“, um nur diese zu nennen -, hier folgt die Künstlerin auch einem ausschließlich ihr selbst bekannten, zutiefst geheimen (vielleicht ja auch unbewussten) Assoziationsprinzip, das schon Chagall auf seine Weise - jüdisch-kabbalistisch konnotiert - in seinen Gemälden und Wandbildern feierte. Aber auch Schmidt stellt sich ihre spezielle Welt zusammen, liefert in eigener Machtvollkommenheit eine malerische Zusammenschau, in der Menschen, Tiere, Pflanzen sowie Geister von oben und Geister von unten einen vielstimmigen malerischen Klang ergeben und unaufhörlich auseinander zu entspringen und zu wachsen scheinen.

Zweifellos herrscht ein Zauber über diesen Bildern: einer, der selbst „gemacht“ und selbst empfunden ist und wohl auch die Betrachter dazu verführen soll, dessen subtilen Vibrationen nachzuspüren: ein jeder nach seinem Vermögen. Dass Gisela Schmidt auch Sinn für „fremden Zauber“ hat, das bewies sie mit den Illustrationen zu den von Ingrid Jacobsen aufgeschriebenen „Brasilianischen Zaubermärchen“, die sich bezeichnenderweise – weil es sich schließlich um eine deutsch-brasilianische „Kooperation“ handelt - „Von noch einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ nennen. Dort begegnet sich Eigenes und Fremdes und zeitigt wahrhaftig fulminante Synenergien.

Was die Brüder Grimm nach Latein-Amerika verfrachtet, den Kreis schließt und meine unmaßgeblichen Betrachtungen beenden soll. Weiterarbeiten also, Gisela Maria Schmidt!  Wer erst spät so richtig zur Entfaltung - um nicht zu sagen: zum Ausbruch-  kam, darf  lange-lange nicht aufhören. Auch wenn er schon in früher Jugend begonnen hat.

Gabriele Weingartner

St. Martin 2008